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Ulrich Schödlbauer: Kontur der Schwester

Erster Akt


Dunkel.

PARERGA
Das greift nach mir, als hätte es mich schon.

DIE BOTIN tritt aus der Finsternis, von blauem Licht umflossen.
Nicht die Gebieterin, nicht die Mutter, aber die Botin. Die zwölfte, falls du sie zählst. Jede kam mit dem Neumond. Der zwölfte Mond ist gegangen. Die zwölfte Botin steht vor dir.

PARERGA
Du bist neu?

DIE BOTIN
Ich kam. Wirft sie einen Schatten?

PARERGA
Nicht im geringsten. Das Licht wandelt durch sie hindurch, als wäre sie aus Glas.

DIE BOTIN
Reiß dich zusammen. ›Vom schwarzen Wasser die Insel umflossen, Mondberge sieben, gelagert um den See.‹ Scheint alles nichts genützt zu haben. Du solltest die Kleine schützen.

PARERGA
Hätte ich einem Vogel in die Lüfte nachgehen sollen? Oder einer Gazelle nachhetzen? Vergiss nicht: sie hat diese seltsame Gabe, sich zu verwandeln.

DIE BOTIN
Zeig sie mir.

PARERGA
Sie ist jetzt nicht allein. Sie ist überhaupt selten allein. Genau gesagt, während dieser zwölf Monate war sie keine einzige Nacht allein.

DIE BOTIN zerstreut.
Ah ja?

PARERGA
Es ist wie ich sage. Der Bursche hat nichts zu tun. Er spielt. Morgens greift er zu Pfeil und Bogen, abends plagt ihn die Neugier. Er denkt sich nichts dabei. Er macht die Nacht zum Tag. Er liebt den Status quo, das ist doch schon was. Bildet er sich ein. Mehr kann er nicht.

Die BOTIN
In drei Tagen ist der Spuk vorbei. Drei kurze Tage! Ihre Mutter wird ungeduldig.

PARERGA
Wem sagst du das. Was passiert mit ihm?

DIE BOTIN
Er wird zu Stein.

PARERGA
Er wird zu Stein!
Na gut. Wenn Mutter meint,
dann wird er zu Stein.

DIE BOTIN verschwindet.
Drei Tage. Gedenk!

PARERGA
Schwätzerin. Sie wird es lernen.